Er hat mich längst gesehen.
Aber ich ihn nicht. Meine Augen sind viel zu beschäftigt mit den Rosinen, den gelben, den hellgrünen und den flaschengrünen, den bernsteinfarbenen und den dunkelbraunen. Zu hohen Bergen aufgetürmt liegen sie am Boden, Sackleinen säuberlich darunter ausgebreitet, denn dies hier ist ein Rosinenmarkt.
Und nirgends gibt es wohl eine so wunderbare Vielfalt von getrockneten Weintrauben wie hier in der Turfan-Oase, 200 km südöstlich von Urumqi entfernt an der Seidenstrasse gelegen. Schon in alter Zeit kamen diese Rosinen aus dem zentral-asiatischen Raum über die Karawanenroute nach Europa.
Als er meint, dass ich mich lange genug umgesehen habe, steht er plötzlich vor mir, aufrecht und würdevoll, die Hände auf dem Rücken, und beginnt eine Unterhaltung. Er spricht Uigurisch. Wie mir der Rosinenmarkt gefalle, ob ich so etwas je gesehen habe, ob ich nicht bitte die Hellgrünen einmal probieren möchte, die esse er persönlich am liebsten, und nicht wahr, sie seien wunderbar.
Ich spreche gar nicht Uigurisch, aber ich verstehe ihn. Bis auf den einen letzten Satz.
Er sagt ihn mit einem Lächeln, ein bisschen stolz, ein bisschen verlegen, und dann schweigt er erwartungsvoll, mit einer Miene, die ausdrückt: Na, was sagst Du nun? Jetzt bist Du dran.
Hilfe suchend sehe ich mich nach unserer chinesischen Reisebegleiterin um. Was hat er gesagt? Sie lächelt. Er sagt Dir, dass er 64 Jahre alt ist.
Danke, sage ich, bitte richte ihm aus, dass er aber viel jünger aussieht. Sie lächelt wieder und meint: Diese Antwort wird ihm keine Freude bereiten.
Keine Freude? Ich verstehe nicht.
Ich weiss, sagt sie, da wo du her kommst, verrät man nicht, wie alt man ist, weder die Frauen noch die Männer. Ihr wollt jünger erscheinen als ihr seid und freut euch, wenn das jemand glaubt. Ich weiss, dass ihr so seid. Aber er weiss es nicht. Er ist stolz darauf, dass er so alt geworden ist. Es würde ihn freuen, wenn du ihn beglückwünschtest wegen des Alters, das er erreicht hat. Er hat nun ein Recht auf den Respekt der Jüngeren.
Ja, gern, sage ich, herzlichen Glückwunsch! Und bitte übersetze für ihn, dass ich grade sechzig geworden bin. Er sieht mich an, sein Gesicht zeigt nacheinander Überraschung, Freude und Hochachtung; dann lacht er, und wir schütteln uns die Hände.
Ein paar von den hellgrünen Rosinen habe ich immer noch aufbewahrt. Ich werde sie vielleicht essen, wenn ich vierundsechzig bin.
Martha