12 September 2006

Der dritte Hochzeitstag

Heute vor drei Jahren haben sie in Riga, Lettlands lebendiger Hauptstadt, geheiratet. Am 12. September 2003

um 10.16 Uhr eilte die Braut im weißen Hosenanzug von rechts nach links durch mein Foto, so schnell, dass der kleine Junge mit dem Blumenstrauß kaum mit kam.

Auch die Brautjungfer im nachtblauen Seidenkleid hatte es eilig.

Sie waren alle auf dem Weg in die Kirche.

Freunde des Bräutigams begleiteten den Brautzug mit Blechblasmusik.

Herzlichen Glückwunsch zum dritten Hochzeitstag!

Wie geht es Euch heute?

Immer noch glücklich?

Hier ist für Euch ein Erinnerungsfoto vom honigfarbenen Mond, wie er im September 2003 über Riga schien.

Viele Grüße

Martha

06 September 2006

Die Zukunft trägt ein rosa Kleid

Sie sitzt auf dem Schoß ihrer Tante und beobachtet verwundert, wie ich mit der Kamera hantiere, sie vor mein Gesicht halte, wie ich vor ihr zu Boden gehe, um sie zu fotografieren.

Ein winzig kleines iranisches Mädchen, geboren im Jahr 2005.

Wie sie wohl heißt? Farideh vielleicht, oder Samira? Aryana? Shirin?

Shirin bedeutet „die Süße“.

Die Süße ist mit ihrer Mutter und ihrer Tante hier, die drei besuchen Persepolis in der Nähe von Shiraz. Diese Palastanlage aus vorislamischer Zeit ist eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten des Iran und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Tante ist stolz auf dieses Zeugnis der ruhmreichen Geschichte ihres Landes. Und sie ist stolz auf ihre Nichte. Ja, ich darf die Kleine fotografieren, gern, aber die Tante möchte nicht mit aufs Bild. Bitte nicht. Sie zupft verlegen an ihrem Tschador, der immerhin ihr Gesicht sehen lässt: sie ist jung und hübsch und hat die gleichen schwarzen Augen.

Ungefähr so wird Shirin eines Tages sicher auch aussehen. Und dann?

Was möchtest du werden, Shirin? Fotografin, Archäologin, Fondsmanagerin? Das ist alles möglich im Iran; aber bitte zieh einen Tschador über. Sängerin? Das wird schwierig – Frauen haben hierzulande zur Zeit nichts zu singen.

Aber vielleicht ändert sich das ja, bis du soweit bist. Und vielleicht darfst du dann auch wieder rosa Kleider tragen.

Ich wünsche dir alles Gute!

Martha

in Keshan am Rande der Salzwüste Dasht-e-Kavir: Religiöse (und andere) Bilder malen für iranische Touristen. Ohne Handy geht es nicht.

in Shiraz, Shopping Mall: ein kurzer enger Mantel muss sein, auch bei 39 Grad im Schatten.

03 September 2006

When I'm sixty-four

Er hat mich längst gesehen.

Aber ich ihn nicht. Meine Augen sind viel zu beschäftigt mit den Rosinen, den gelben, den hellgrünen und den flaschengrünen, den bernsteinfarbenen und den dunkelbraunen. Zu hohen Bergen aufgetürmt liegen sie am Boden, Sackleinen säuberlich darunter ausgebreitet, denn dies hier ist ein Rosinenmarkt.

Und nirgends gibt es wohl eine so wunderbare Vielfalt von getrockneten Weintrauben wie hier in der Turfan-Oase, 200 km südöstlich von Urumqi entfernt an der Seidenstrasse gelegen. Schon in alter Zeit kamen diese Rosinen aus dem zentral-asiatischen Raum über die Karawanenroute nach Europa.

Als er meint, dass ich mich lange genug umgesehen habe, steht er plötzlich vor mir, aufrecht und würdevoll, die Hände auf dem Rücken, und beginnt eine Unterhaltung. Er spricht Uigurisch. Wie mir der Rosinenmarkt gefalle, ob ich so etwas je gesehen habe, ob ich nicht bitte die Hellgrünen einmal probieren möchte, die esse er persönlich am liebsten, und nicht wahr, sie seien wunderbar.

Ich spreche gar nicht Uigurisch, aber ich verstehe ihn. Bis auf den einen letzten Satz.

Er sagt ihn mit einem Lächeln, ein bisschen stolz, ein bisschen verlegen, und dann schweigt er erwartungsvoll, mit einer Miene, die ausdrückt: Na, was sagst Du nun? Jetzt bist Du dran. Hilfe suchend sehe ich mich nach unserer chinesischen Reisebegleiterin um. Was hat er gesagt? Sie lächelt. Er sagt Dir, dass er 64 Jahre alt ist.

Danke, sage ich, bitte richte ihm aus, dass er aber viel jünger aussieht. Sie lächelt wieder und meint: Diese Antwort wird ihm keine Freude bereiten.

Keine Freude? Ich verstehe nicht.

Ich weiss, sagt sie, da wo du her kommst, verrät man nicht, wie alt man ist, weder die Frauen noch die Männer. Ihr wollt jünger erscheinen als ihr seid und freut euch, wenn das jemand glaubt. Ich weiss, dass ihr so seid. Aber er weiss es nicht. Er ist stolz darauf, dass er so alt geworden ist. Es würde ihn freuen, wenn du ihn beglückwünschtest wegen des Alters, das er erreicht hat. Er hat nun ein Recht auf den Respekt der Jüngeren.

Ja, gern, sage ich, herzlichen Glückwunsch! Und bitte übersetze für ihn, dass ich grade sechzig geworden bin. Er sieht mich an, sein Gesicht zeigt nacheinander Überraschung, Freude und Hochachtung; dann lacht er, und wir schütteln uns die Hände.

Ein paar von den hellgrünen Rosinen habe ich immer noch aufbewahrt. Ich werde sie vielleicht essen, wenn ich vierundsechzig bin.

Martha